Alte Brillen für Rumänien als Kontrastprogramm
Einmal im Jahr reisen zwei Schweizer Optiker in die ärmste Gegend Rumäniens.

Um 700 alte Brillen zu verteilen, die sie in der Schweiz gesammelt haben.
Weihnachten findet für die Bewohner des Landkreises Suceava im äussersten Nordosten Rumäniens im Mai statt. Jedenfalls für diejenigen, die nicht gut sehen. Denn im Lastwagen, welcher eimal mehr Hilfsgüter der Rumänien-Hilfe Wegenstetten anliefert, befinden sich einige grosse Schachteln, in denen ein paar Hundert sauber geputzte und sortierte Brillen liegen, di in der Schweiz niemand mehr will. Auf der Fahrt zwischen dem Fricktal und Rumänien wird aus dem Gebrauchsgegenstand ein heiss begehrtes Luxusobjekt. Denn Brillen Sind in Suceava so teuer, dass sie sich kaum jemand leisten kann. Die meisten Leute haben kaum genug Geld fürs Busbillett in die Stadt, wo der Optiker sein Geschäft betreibt.

Wenige Tage später reisen die beiden verantwortlichen Schweizer Optiker, Marco Veronesi aus Rheinfelden und Giuseppe Piazzitta aus Zürich, in den Nordosten Rumäniens. Ihr Besuch spricht sich schon Tage vorher herum. Kaum sind sie angekommen, strömen die Leute in das «Dispensar» des Dorfes Falcâu, wo Veronesi und Piazzitta die Brillen verteilen. Wenn sich die beiden Schweizer am Morgen an den Hozltisch setzen, warten draussen Hunderte von Männer und Frauen, die schon seit Stunden geduldig in der Schlange stehen. «Es sind vorallem ältere Menschen die kommen», sagt Piazzitta. «Sie wollen unbedingt wieder lesen können; vor allem in der Bibel.»

Handarbeit ist gefragt
Die beiden Optiker ermitteln die Sehschärfe der Einheimischen mit einfachsten Mitteln. Was in der Schweiz ein Computer innert Sekunden erledigt, muss in Rumänien mit Hilfe einer Gläserleiste und zweier medizinischer Geräte von Hand gemacht werden. Stundenlang bestimmen Veronesi und Piazzitta die Werte und suchen unter den Brillen, die zu Hunderten auf dem Tisch ausgebreitet sind, nach der passenden. «Letztes mal hatten wir so einen Andrang, dass wir zwischendurch knapp eine Suppe essen konnten», sagt Piazitta. Hätten die Besucher ihre Sehhilfe erst einmal auf der Nase, so könnten sie ihr Glück kaum fassen.

Die Brillen stammen aus Veronesis Geschäft in Rheinfelden und aus den Zett-Meyer-Filialen im Kanton Zürich. Giuseppe Piazzitta, der das Geschäft im Glattzentrum leitet, hat alle Mitarbeiter angewiesen, die Gestelle und Gläser zu sammeln, welche die Kunden nach dem Kauf einer neuen Sehilfe nicht mehr brauchen. So kommen jedes Jahr rund 700 Brillen zusammen. «Wir könnten noch viel mehr brauchen, um den Bedarf in Rumänien abzudecken», sagt Piazzitta. Er klopft daher regelmässig bei Berufskollegen an, damit ihn diese unterstützen.

Gastfreundschaft trotz Armut

Die beiden Optiker opfern jedes Jahr eine Woche Ferien für die Reise an die Ukrainische Grenze. «Mir gehts in der Schweiz so gut, dass ich ruhig ein Stück von meinem Glück an diejenigen weitergeben kann, die es schwieriger haben», sagt Piazzitta. Dass die Hutulen in Nordostrumänien dazu gehören, hat er schon bei seinem ersten Besuch festgestellt. «Man kann sich kaum vorstellen, wie arm die Leute sind.» Die meisten hätten kein fliessendes Wasser. Wer sich waschen wolle, der müsse zum Ziehbrunnen, und für die warme Dusche müsse der Boiler angefeuert werden. «Wenn das Wasser dann mal heiss ist, wollen natürlich alle drankommen», erzählt Piazzitta.

Die meisten Familien auf dem Lande versorgten sich selber; importierte Produkte wie Bananen oder Kaffee seien nahezu unerschwinglich. Und warum zieht es Piazzitta immer wieder aufs Neue nach Südosteuropa? «Das ist mein kulturelles Kontrastprogramm zum Alltag», sagt er. Die Menschen seien totz Armut äusserst gastfreundlich, und es sei ein gutes Gefühl, jemandem wirklich helfen zu können. Ausserdem komme ihm dort entgegen, dass er als Sohn italienischer Eltern die rumänische Sprache einigermassen verstehe. Beim diesjährigen Aufenthalt will er den ortsansässigen Arzt der Rumänien-Hilfe Wegenstetten so weit ausbilden, dass dieser auch unter dem Jahr Brillen aus der Schweiz abgeben kann. «Aber einmal im Jahr fliege ich auch in Zukunft nach Rumänien.»

Hilfe für die Schwächsten
Veronesi ist zum Hilfswerk gekommen, weil der Präsident ein Kunde von ihm ist. Und Piazzitta, weil ihn sein Schulkollege Veronesi auf dessen Tätigkeit aufmerksam gemacht hat. Der private Verein leistet in den Distrikten Suceava und Botosani primär Hilfe zur Selbsthilfe. So finanziert er ein Ärztehaus sowie ein Kinderheim und unterstützt eine einheimische private Stiftung, die behinderte Kinder fördert. Dabei wird immer darauf geachtet, dass die Institutionen von Einheimischen geführt werden.
Von Daniel Bach


 
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